STRESS: Die typischen Entscheidungsmuster unter Druck

von Norbert Abraham

Unter Druck, bei Müdigkeit, Langeweile oder anderen tiefer gehenden Ablenkungen geraten die professionellen, eingespielten Verhaltensmuster der meisten Menschen aus dem Gleichgewicht und lassen mehr Spielraum für ihre negative Verhaltensdispositionen. Nennen wir sie Risikofaktoren.

Diese Risikofaktoren sind im normalen Arbeitsalltag auch als Stärken interpretierbar. In Stresslagen dagegen schmälern sie die persönliche Effizienz, die Qualität der Beziehungen zu Kunden, Kollegen und Mitarbeitern, aber auch die Stabilität eines Teams.

Der Hogan Challenges Survey HDS der Hogan Assessment Inc., ein wissenschaftlich anerkanntes, psychometrisches Testverfahren, misst diese Risikofaktoren. Bei Personen mit hohen Skalenwerten treten in Drucksituationen klar erkennbare Entscheidungsmuster auf.

Sie können sie sicherlich vorstellen, welchen Nutzen eine Person, ein Unternehmen, Ihr Chef daraus ziehen könnte, wenn er oder sie genau wüsste, ob sie eine hohe Ausprägung eines Risikofaktors aufweisen.

Der Bewerbungstipp für den Alltag: Die typischen Risikofaktoren der pschometrischen Assessements sind auch umgekehrt recht gut zu nutzen. Wenn Ihnen im Bewerbungsgespräch beispielsweise ein deutlich erkennbar distanzierter Gesprächspartner gegenüber sitzt, dann ist sein typisches Entscheidungsmuster im Stress: cool und business-getrieben.

Er wird sich für Ihre persönlichen Themen überhaupt nicht interessieren! Um ihn zu überzeugen, bleiben Sie doch einfach genau so cool & business-getrieben.

HOHER RISIKOFAKTOR
TYPISCHES ENTSCHEIDUNGSMUSTER
Sprunghaft (leicht genervt, emotional schwankend)
Die Begeisterung für Personen und Projekte ist anfangs überschäumend und enthusiastisch, schlägt im Alltag aber schnell in Enttäuschung um.
Signal: scheinbarer Mangel an Nachhaltigkeit.
Schnell und weg
Von einer Übersensibilität für Dringlichkeit und mögliche Bedrohungen getrieben, kommen diese Personen zu überstürzten Schlussfolgerungen und fällen vorschnelle Entscheidungen, um Probleme aus dem Weg zu räumen.
Skeptisch (misstrauisch, zynisch)
Obwohl sozial kompetent und einfühlsam, begegnen die so geprägten Menschen ihrer Umwelt mit Zynismus und zeigen sich überaus empfindlich gegenüber Kritik.
Signal: scheinbarer Mangel an Vertrauen.
Misstrauisch und schutzbedürftig
Ständig auf der Hut vor Verrat und Betrug, fällen sie Entscheidungen mit dem Ziel, sich vor vermeintlichen (aber durchaus realistischen) Verletzungen zu schützen und potenzielle Aggressoren abzuschrecken.
Vorsichtig (zu konservativ, risikoscheu)
Menschen mit dieser Verhaltensprägung haben große Angst vor Kritik.
Signal: scheinbar nicht veränderungsbereit und zu zögerlich, Chancen zu ergreifen.
Angepasst und zögerlich
Da diese Personen sorgsam bedacht sind, Fehler oder Kritik zu vermeiden, sind sie risikoscheu. Sie treffen ihre Entscheidungen langsam oder zögerlich. Wenn sie entscheiden, dann eher um Kosten zu minimieren und nicht um Ergebnisse zu maximieren.
Distanziert (unnahbar und abwesend)
Diese Menschen zeigen wenig Interesse für die Gefühle anderer oder sind sich im schlimmsten Falle noch nicht einmal dieser Gefühle bewusst.
Signal: scheinbar schwache Kommunikatoren.
Cool und business-getrieben
Sie konzentrieren sich auf ihre eigenen Projekte und treffen ihre Entscheidungen einzig und allein auf Basis von geschäftlichen Erwägungen. Sorge um die Menschen in ihrer Arbeitsumgebung und eine Gefährdung der Arbeitsmoral ist ihnen fremd.
Passiver Widerstand (unkooperativ und stur)
Diese Menschen streben nach Unabhängigkeit. Sie ignorieren Wünsche und Anforderungen anderer,  werden sogar gereizt und nervös, falls diese darauf bestehen.
Signal: scheinbar eigensinnig, wenig kooperativ, verschleppen Aufgaben.
Eigenmächtig und rücksichtslos
Da sich diese Menschen immer wieder ausgenutzt fühlen, treffen sie eigenmächtig Entscheidungen, die andere verprellen (insbesondere Kollegen höherer Hierarchieebenen). Es fällt schwer, sie für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen, da sie keine andere Wahl hatten.
Anmaßend (arrogant & selbstdarstellerisch)
Überschätzung der eigenen Kompetenz und des eigenen Wertes im Unternehmen.
Signal: scheinbar unfähig, Fehler einzugestehen und aus Erfahrungen zu lernen.
Selbstbezogen und prestigesüchtig
Da diese Menschen ihre eigenen Stärken über-, die des Wettbewerbs aber unterschätzen, treffen sie hoch riskante, selbstbezogene Entscheidungen, die dazu dienen sollen, den eigenen Status und das eigene Prestige zu steigern.
Draufgängerisch (charmant & amüsant)
Charmant, risikofreudig und abenteuerlustig.
Signal: scheinbar unzuverlässig und nicht lern- und entwicklungsfähig.
Egozentrisch und planlos
Diese Menschen folgen ihrer privaten Agenda in dem Glauben, dass andere ihnen fast alles verzeihen werden. Bei ihren Entscheidungen halten sie sich nicht an Abläufe, testen ihre Grenzen und/oder machen sich lustig über geltende Regeln.
Bunt schillernd (theatralisch, dominant)
Begegnungen mit diesen Menschen sind aufregend und emotional, da sie immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit sind. Sie lieben überbordende und dramatisierende Beschreibungen und Einschätzungen. Ihr Wesen ist angenehm und einnehmend.
Signal: scheinbar mit ihrer Selbstdarstellung beschäftigt und nicht nachhaltig auf ein Ziel konzentriert.
Narzisstisch und ziellos
Diese Menschen gehen davon aus, dass andere sie ohne Vorbehalte attraktiv und überzeugend finden. Deshalb treffen sie Entscheidungen, mit denen sie in erster Linie die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken und mit denen sie Aufsehen erregen wollen.
Phantasiereich (unnütze Ideen, exzentrisch)
Dieser Risikofaktor führt zu interessantem, ungewöhnlichem, ja sogar exzentrischem Denken und Handeln.
Signal: scheinbar kreativ, aber geringes bis kein Urteilsvermögen.
Entertainment ohne Problemlösung
Da diese Menschen glauben, dass sie andere leicht mit ihren ungewöhnlichen und mutigen Ideen faszinieren, treffen sie Entscheidungen, die genau diese Erwartungshaltung - nämlich Überraschung und Unterhaltsamkeit - erfüllen, die aber nicht helfen, Probleme zu lösen.
Pedantisch (perfektionistisch & mikromanaging)
Sie sind gewissenhaft, perfektionistisch und schwer zufrieden zu stellen.
Signal: scheinbar darauf aus, Kollegen und Mitarbeitern Verantwortung zu entziehen.
Operativ und kurzsichtig
Diese Menschen denken sehr operativ. Ihre Entscheidungen bieten kurzfristige und zielgerichtete Lösungen für Tagesprobleme, beziehen oftmals aber nicht die übergeordneten strategischen Überlegungen mit ein.
Dienstbeflissen (respektvoll & einschmeichlerisch)
Bei Menschen mit diesem Risikofaktor ist der Wunsch stark ausgeprägt, es anderen unbedingt recht machen zu wollen. Gleichzeitig ordnen sie sich gerne unter.
Signal: scheinbar liebenswürdig und gefällig.
Anerkennung vor Lösung
Diese Menschen treffen Entscheidungen, für die sie Lob und Anerkennung von ihren Vorgesetzten erhoffen, die aber nicht die Lösung des aktuellen Problems als übergeordnetes Ziel haben.